Katrin Askan - Texte |
Ein missglückter TagIch wache mit dem schmerzhaften Gefühl auf, jemand sei mir gerade aufs Bein getreten. Durch einen winzigen Augenspalt sehe ich meinen Freund im Bad verschwinden. Statt auf sei-ner Seite aus dem Bett zu steigen, hat er die Abkürzung über mich hinweg genommen. Es ist halb sechs. Ich weiß sofort, dass ich nicht wieder werde einschlafen können, durchs Dachfenster dringt bereits graues Licht. Tropfen klimpern auf der Scheibe, vermutlich hat es die ganze Nacht lang geregnet. Ich höre die Spülung, Daniel kommt aus dem Bad. Ich habe die Augen geschlossen. Er steigt auf meiner Seite aufs Bett, macht einen Schritt – und tritt mir wieder aufs Bein. Mit wütendem Zischen rolle ich mich in meine Decke, dabei bemerke ich, dass sie an einer Stelle feucht ist. Ich hatte gestern Abend schon vermutet, dass das Fenster im Dach über mir undicht ist. Kein Wunder, dass sich die Decke so schwer und klamm anfühlt. Eine halbe Stunde später gehe ich wortlos ins Bad. Ich drehe den roten Hahn auf, aber das Wasser spritzt eisig aus der Dusche. Ich probiere den blauen Hahn, mit demselben Resultat. Dabei hatten wir gestern ausdrücklich ein Zimmer mit warmem Wasser verlangt. Im Spiegel sehe ich, dass ich dringend mein Haar waschen müsste. Frierend gehe ich ins Zimmer zurück. Unsere Sachen über den Stühlen sind immer noch feucht; gestern Abend hatte uns ein Schauer eiskalt erwischt. Ich krame im Rucksack, kann aber keine saubere Unterwäsche mehr finden, die Socken sind alle schon von beiden Seiten getragen. Warum er sich nicht endlich entschuldige, fauche ich Daniel an, der sich still an mir vorbei ins Bad schleicht. Es folgt eine kurze und heftige Debatte darüber, dass man anderen Leuten nicht kommentarlos auf die Beine treten sollte, vor allem dann nicht, wenn sie schlafen. Dann liegen wir uns in den Armen. Aber der Tag hat trotzdem schlecht angefangen, daran ist nichts mehr zu ändern. Wir nehmen uns vor, einen Preisnachlass für das fehlende warme Wasser zu verlangen, aber als wir das Hotel verlassen, ist die Rezeption noch nicht besetzt, es ist sieben Uhr. Wir legen unseren Schlüssel auf den Tresen. Eine Stunde später stehen wir im Bus, der uns 500 km weiter, in eine andere Stadt be-för-dern soll. Unsere Plätze sind besetzt. Wir streiten mit denen, die darauf sitzen, aber es stellt sich heraus, dass die beiden Frauen die gleichen Sitznummern haben wie wir. Allerdings steht auf unseren Fahrscheinen ein anderes Datum als auf denen all der anderen Fahrgäste, die sich lautstark in den Streit einmischen. Wir müssen raus, der Bus ist voll. Als wir vorgestern die Tickets kauften, hat uns der Mann am Schalter Plätze für gestern gegeben. Wir beschweren uns, aber die Frau hinter Glas zuckt gelangweilt mit den Schultern. Es hilft nichts: Wir müssen neue Fahrscheine kaufen, der nächste Bus geht in sieben Stunden. Schließfächer gibt es hier nicht, und wir wollen mit den Rucksäcken nicht in den dichten Regen hinaus. Es braucht nicht erwähnt zu werden, wie langweilig sieben Stunden im Busbahnhof sein können. Aber auch sieben langweilige Stunden gehen irgendwann vorbei. Schließlich steigen wir in unseren Bus ein. Aus unerfindlichen Gründen dauert es allerdings noch eine Stunde, bevor er losfährt. Auf halber Strecke platzt ein Reifen; das Rad muss gewechselt werden. Die Leute, die damit beschäftigt sind, sehen aus, als ob sie das zum ersten Mal zu machen. Wir stehen zwei Stunden in der Pampa herum, immer noch im Regen. Spät nachts kommen wir verfroren ans Ziel. Noch bevor wir ein neues Hotel finden, stellen wir beide fest, starke Halsschmerzen zu haben. Daniel niest mehrmals hintereinander, mir läuft die Nase. Es gibt eben Tage, da wacht man mit einem untrüglichen Gefühl auf. Erschienen in der Stuttgarter Zeitung vom 01.06.2002. |