Katrin Askan - Texte |
Ein geglückter TagEine Woche lang hatten uns graue Wolken mit Dauerregen verfolgt, egal, in welche Richtung wir auch fuhren. Und nun, endlich, beim Augenaufschlag blauer Himmel durchs Dachfenster. Die Uhr zeigt halb acht. Ich drehe mich zu Daniel um, er liegt auf der Seite und lächelt, er scheint nur darauf zu warten, dass ich aufwache. Er hilft mir dabei, ganz sanft. Später geht Daniel Brot holen und ich ins Bad. Das Wasser ist heiß, Dampf füllt den Raum. Ich öffne das Fenster und dusche weiter, dabei blicke ich hinaus, direkt auf den Vulkan. Er ist schneebedeckt, fast 6000 Meter hoch. Der Anblick ist überwältigend. Hin und wieder soll er weiße Asche spucken; sie legt sich auf die Landschaft in der gesamten Umgebung. Als ich endlich aus dem Bad komme, sitzt Daniel schon am Tisch im Hof des Hotels. Nor-malerweise gibt es hier kein Frühstück für die Gäste, aber eine gute Seele (die Reinemachefrau) hat von sich aus angeboten, heiße Schokolade für uns zu kochen. Wir trinken beide die Tassen in einem Zug leer. Der Kakao werde hier in der Gegend angebaut, erklärt die Frau und schenkt uns aus dem Topf nach. Das Brot duftet, Daniel hat frische Butter dazu gekauft. Im Hof sind wir von Pflanzen eingeschlossen, sie ranken sich an den Wänden hoch. Einige kenne ich, in vergleichsweise mickrigem Zustand, aus deutschen Wohnzimmern. Wieder einmal wird mir bewusst, fast eine halbe Erdumdrehung von zu Hause entfernt zu sein. Während es dort zur Zeit eisig kalt ist, wird es hier jeden Tag mindestens fünfundzwanzig Grad warm. Mit einem Taxi fahren Daniel und ich zum Busbahnhof. Die Dame am Schalter fragt, ob wir unsere Plätze tauschen wollen. Sie erklärt nicht, warum, und wir überlegen nicht lange, als wir erkennen, dass die uns angebotenen Plätze die besten im Bus sind: oben in der vordersten Reihe. Während der Fahrt, die insgesamt neun Stun-den dauert, genießen wir die phantastische Aussicht auf die Anden. Schneebedeckte Kuppen, reißende Bäche und vereinzelte Seen rücken immer wieder in unser Blickfeld. Mit jeder Biegung eröffnet sich uns eine neue Perspektive auf die imposante Landschaft, und wir sind ganz darauf konzentriert, sie zu entdecken. Deshalb werden wir erst relativ spät auf die beiden jungen Männer aufmerksam, die neben uns, auf der anderen Seite des Ganges, sitzen. Sie haben langes schwarzes Haar und Instrumente zwischen den Knien: alte, landestypische Instrumente, vermutet Daniel, der selber Musiker ist. Er beginnt mit den beiden ein Gespräch, und es stellt sich heraus, dass sie heute Abend mit ihrer Band in der Stadt spielen, in die wir gerade fahren. Als wir am frühen Abend dort ankommen, sind wir längst zum Konzert um neun Uhr in der ehemaligen Schlosserei eingeladen. Weil wir uns hier überhaupt nicht auskennen, nehmen uns Rahil und Jojo kurzerhand in ihre Pension mit: eine wunderschöne, aber schon verblühte Villa, die früher ein Theater war. Wir bekommen ein Zimmer mit Balkon; Daniel ist sich sicher, dass es die einstige "Maske" ist. An den Wänden hängen alte Spiegel und Fotos von Schauspielern. Daniel zitiert eine Passage aus dem "Hamlet", die einzige, die er auswendig kann. Ich muss ihn an der Jacke aus dem Zimmer ziehen, ich habe Hunger. Nicht weit vom Theater entfernt entdecken wir ein kleines Restaurant. Es gibt nicht viele Gerichte zur Auswahl, aber die Teller, die schließlich vor uns stehen, sind reich gefüllt, und das Essen schmeckt hervorragend. Später, an der Konzertkasse in der alten Schlosserei, erfahren wir, dass wir auf der Gästeliste stehen und nicht zu bezahlen brauchen. Rahil und Jojo sehen wir vorne mit ihrer Band, sie beginnen zu spielen. Die Musik ist außergewöhnlich, Spitzenklasse, sagt Daniel, er ist begeistert. Für uns endet der Tag erst am nächsten Morgen um drei, nach einer Party, auf der ich getanzt habe wie nie zuvor. Erschienen in der Stuttgarter Zeitung vom 25.5.2002. |