Katrin Askan - Texte |
EingebranntSie hatten sich nur einmal geküßt, Ende November, fast Mitternacht. Er hatte sie auf seinem Fahrrad nach Hause gebracht. Sie saß auf der Stange, zwischen ihm und dem Lenker, seine ausgestreckten Arme hielten sie. Mit einer Hand fasste sie das Haar im Nacken zusammen, damit es ihm nicht ins Gesicht wehte. Sie spürte seinen Atem am Ohr und manchmal seine Wange an ihrer. Der Weg war unbeleuchtet, trotzdem fuhr er schnell. Wenn sie ängstlich aufschrie, lachte er und sagte, er kenne hier jeden Stein. Im Kegel der Lampe glitten Schlaglöcher wie Schatten auf sie zu und knapp an ihnen vorbei. Unter den Reifen platzte das dünne Eis der Pfützen, Laub, das am Boden klebte, hatte einen weißen Rand. Sie wechselten einige Worte über den Abend, den sie bei Freunden verbracht hatten. Sie kannten sich schon lange. Sein Bruder war mal mit ihrer Schwester gegangen. Vor dem Haus hörten sie auf zu reden. Er strich ihr übers Haar. Sie legte die klammen Finger auf seine Wange. Sie zitterten beide, er schlug seine Jacke um sie. Ihr Mund berührte seinen Hals, seine Hand glitt an ihren Nacken. Mit dem Daumen drückte er sanft ihr Gesicht hoch, er küsste sie neben die Nase, ihre Lippen suchten sich. Die Füße waren ihr taub gefroren, eine Hand auf der Klinke des Gartentores sah sie das Rücklicht des Fahrrads im Dunkel verglühen. In den Wochen danach erhielt sie Briefe von ihm, sie antwortete auf alle, nicht selten im Schulunterricht, sie dachte an den Abend, an ihren Kuss vor dem Haus. Er war bei der Armee, an einem weit entfernten Ort, und weil er Bausoldat war, bekam er noch seltener Urlaub als andere. Er würde nicht einmal zu Weihnachten kommen können, schrieb er ihr. Wenige Tage vor Heilig Abend erhielt sie ein Paket. Unter dem Weihnachtsbaum öffnete sie es und zog aus Holzwolle und geknülltem Papier eine Wandlampe. Er hatte sie selbst gemacht. Er hatte aus Sperrholz einen Hirsch gesägt und die Hinterbeine an einem Brett befestigt. Am Hals hing ein Draht und daran die Laterne, ebenfalls aus Sperrholz und mit vier roten Scheiben. Sogar die Fassung war installiert, die Leitung lief am Bauch des Hirsches entlang bis zum Brett und durch das Brett hindurch. Ins helle Holz der Lampe waren Muster eingebrannt. Das muss eine Heidenarbeit gewesen sein, sagte ihr Vater. Der liebt dich
wirklich. Sie dankte ihm auf einer Karte und erwähnte auch ihr schlechtes Gewissen, weil sie ihm nichts geschickt hätte. Zu Heilige Drei Könige wurde der nadelnde Baum in den Garten geworfen, die Lampe wanderte in den Keller. Er bekam Urlaub. Er rief an und fragte, ob die Lampe schon hinge. Nein, sagte sie, und dass sie nicht wisse, ob überhaupt. Nach Jahren hat sie ihn wieder gesehen, auf der Straße, mit der kleinen Tochter und seiner Frau, die das zweite Kind erwartete. Die Begegnung war freundlich und kurz. Einige Zeit später hörte sie, dass er mit seiner Familie in eine andere Stadt gezogen sei. Irgendwann muss jemand die Lampe in den Ofen geworfen haben, sie würde nicht ausschließen, dass sie es selber gewesen war. Sie erinnert sich nicht mehr, es ist über zwanzig Jahr her. Die Lampe hatte ihr überhaupt nicht gefallen, doch sie sieht sie vor sich, wenn sie die Augen schließt: den Hirsch, das Holz mit dem eingebrannten Muster, rote Scheiben. Vater nickt anerkennend, und der Junge schlägt seine Jacke um sie, ihr fällt ein, wie er gerochen hat und wie es war, als sie sich küßten, nachts, vor dem Haus. Es war kalt damals, denkt sie, ein langer, kalter Winter. Erschienen in der Anthologie Das Geschenk, hrsg. von Peter Mathews, Berliner Taschenbuch Verlag 2001. |