Katrin Askan - Texte

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Die Dinge des Lebens

Vater hatte mich gefragt, ob ich ihn haben wolle. Die weiße Taste sei leider abgebrochen, aber er funktioniere trotzdem, er habe es ausprobiert. Ich war sofort einverstanden. Und vergaß dann doch, ihn mitzunehmen. Monate später, bei meinem nächsten Besuch, musste er ihn mir zum Auto nachtragen, weil ich ihn wieder stehen gelassen hatte.

Jetzt hat er seinen festen Platz auf dem Herd in meiner Küche: unser alter Toaster. Meine ganze Kindheit hindurch hat er mir Stullen geröstet, und da er das, meiner Erinnerung nach, immer schon tat, dürfte er so alt sein wie ich. Man sieht es ihm nicht an, sein Gehäuse ist blank. Zwar hat die weiße Taste früher nicht gefehlt, aber Vater hat Recht: der übrig gebliebene Metallstift reicht, um die Stullen auf einer Schiene in das Gehäuse zu drücken, zwischen die Heizspiralen. Der Stift surrt langsam wieder nach oben, und mit ihm das duftende Brot. Man muss es allerdings zweimal hinunter drücken, damit es gut gebräunt ist.

Früher war mir nie aufgefallen, dass der Toaster so laut ist. Entweder meine Toleranz für die Lautstärke von Haushaltsgeräten hat sich mit den Jahren geändert, früher war gewöhnlich alles lauter, die Technik noch nicht so weit. Oder es liegt an meiner Küche, die kahl zu nennen keine Untertreibung ist, auch das kleinste Geräusch hallt. Das Surren des Toasters wird durch den Herd verstärkt. Im Backofen liegen meine Weinflaschen, weil ich ihn genauso wenig benutzen kann wie die hinteren Platten. Der Herd ist sicher so alt wie der Toaster und ich zusammen. Vielleicht surrt der Toaster aber auch nur deshalb so laut, weil er so alt ist. Für einen Toaster ist er sehr alt. Und sehr laut. Es ist mir zum Beispiel unmöglich, beim Toasten die Nachrichten im Radio zu verfolgen, selbst dann nicht, wenn ich vor dem voll aufgedrehten Lautsprecher stehe. Meine Nachbarin hat mich deswegen auch schon angesprochen, nicht wegen des Radios, sie wollte wissen, warum ich jeden Morgen bohre. Ich röstete für sie eine Stulle, und sie bekam einen Lachkrampf, den ich aber erst hören konnte, als das Brot oben war.

Die interessantesten Dinge im Leben sind wohl nicht selten die, zu denen man ein gespaltenes Verhältnis hat. Man mag etwas und würde es niemals hergeben, das doch irgendwie unbequem oder sogar im Weg ist und vielleicht auch Ärger bereitet.

Den Toaster mag ich, obwohl er wie eine Bohrmaschine klingt, weil er der Toaster meiner Kindheit ist. Dachte ich. Bis meine Schwester ihn bei mir sah. "Das ist nicht unser Toaster!", sagte sie. "Es ist der gleiche, den wir hatten, aber unserer ist das nicht." Sie muss es wissen, nicht nur, weil sie die Ältere ist. Sondern weil sie, als letzte von uns im Osten geblieben, bei ihrer Ausreise in den Westen un-seren damaligen Hausstand einpackte oder verschenkte. Den Toaster habe sie nicht mitgenommen, versicherte sie mir.

Eine telefonische Nachfrage bei Vater ergab, dass er den Toaster auf seiner ersten Dienstreise in Moskau als Geschenk für Mutter gekauft hatte, wenige Jahre vor ihrem Tod. Einen Tag später korrigierte er sich. Seine jetzige Frau habe den gleichen Toaster in Moskau gekauft, sie sei ungefähr zur selben Zeit dienstlich dort gewesen; damals kannten sie sich allerdings noch nicht. Sie hatte ihren Toaster später irgendwann in die Kammer gestellt, wo er ihn entdeckt und für unseren gehalten hatte. Er sei ihr zu laut gewesen, sagte er.

(erschienen in der Stuttgarter Zeitung vom 20.1.01)

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